alexandra lubchansky
critics

  Alfelder Zeitung, 11/2004  
 
Alexandra Lubchansky begeistert mit ihrem Stimmmaterial

Hildesheim. „A star is born", und zwar am Samstagabend im Stadttheater. Der Anlass: erste Opern-Premiere 04/05 mit Caetano Donizettis „Lucia di Lammermoor". Zugegeben: Donizettis geniale Opera seria von 1835 ist musikalisch deut­lich auf die Titelfigur zugeschnitten. Aber der Meister hat da auch nicht mit Hürden für die Sängerin gespart. Das muss man erst einmal singen kön­nen: der helle Wahnsinn! Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Titelheldin stirbt in geistiger Umnach­tung. Wie Gaetano Donizetti dies in Tönen ausgedrückt hat, ist einzigartig in der Opernge­schichte.

Das Stadttheater hat Ale­xandra Lubchansky - noch, muss man sagen. Denn die Vollkommenheit ihrer Leis­tung wird sich ganz schnell herumsprechen. Die Künstle­rin ist mit herrlichem Stimm­material gesegnet. Aber wie sie damit umgeht, wie sie die Töne der dreigestrichenen Oktave glockenrein und zart ansetzt, wie sie die den Kolora­turen innewohnende Dramatik ebenso leidenschaftlich wiekontrolliert verwirklicht und dabei darstellerisch das er­schütternde Bild einer von schizophrener Psychose Er­griffenen herausarbeitet: Das ist das eigentlich Sensationelle an der jungen Sopranistin, das macht sie zum Star.

Ihre Mitstreiter haben es da schwer, vor allem Liebhaber Edgardo. Daniel Ohlmann fehlen Schmelz und kantable Führungsqualität des italieni­schen Tenors, obwohl er sich redlich müht (etwa in seiner an Verdi gemahnenden letzten Arie). Es ist nicht seine Rolle. Doch gute italienische Tenöre sind Mangelware, man weiß es. Am nächsten kommen der Lubchansky Uwe Tobias Hie­ronimi als Lucias Bruder Lord Henry .(Enrico) und Ernst Garstenauer als Hofkaplan Raimondo.- Hieronimi, als be­gabter Darsteller mehrfach ausgewiesen, verfügt über' die nötige italienische Bariton-Dramatik (mit müheloser Hö­he!), während Garstenauer mit seriösem, klangvollem Bass ei­nen imponierenden geistlichen Vater auf die Bühne stellt.

Für die Bühne, gestaltet in der düsteren Handlung ent­sprechendem Schauer-Grau mit beweglichen Kulissentür­men in flackernden Lichteffek­ten (Thomas Pekny), gelang es, einen weiteren Star an die Angel zu bekommen, Hell­muth Matiasek, den früheren Intendanten des Münchner Gärtnerplatz-Theaters.

Auf Schritt und Tritt be­merkt man in Matiaseks Regie die erfahrene ordnende Hand des Musiktheater-Experten, der die schicksalsträchtige Handlung auf einer Rotunde abspielen lässt, dem unentrinn­baren Schicksalskreis, um den sich dann auch der hervorragende Chor (Einstudierung: Achim Falkenhausen) wie in einer griechischen Tragödie schart.

Nur ein Beispiel für Mati­aseks ausgefeilte Personenre­gie: das Liebesduett im 1. Akt, das mit Ringtausch und Treue­schwur endet. Der Münchener Theatermann verzichtet auf Aktualisierung und lässt in herrlichen alten Kostümen spielen (Frank Lichtenberg), nur der geckenhaft aufgenutzte Lord Bucklaw fällt sinnvoll aus dem Rahmen. Neben Daniel Pohnert als Bucklaw seien noch Anja Bildstein (Alisa) und Hanno Harms (Norman) lo­bend erwähnt.

Lubchanskys Flötenpartner bei der Wahnsinns-Arie kön­nen wir nicht erwähnen. Er stand nicht im Programm sondern saß im Orchestergra­ben. Dort lebte Werner Seitzer mit seinem gut disponierten Orchester seine Italianita aus, korrespondierte liebevoll mit den Sängern, zumal bei deren Kadenzen, und gab insgesamt den Schub zu einer Opern-Ga­la, deren .Erfolg vorprogram­miert sein dürfte. Joachim Stepp

 
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