alexandra lubchansky
critics

  Göttiger Tageblatt, 11/2004  
 
Romeo und Julia auf schottisch

Die Titelpartie ist wegen ihrer hohen virtuosen Anforderun­gen gefürchtet. Alexandra Lubchansky zeigt am Stadttheater Hildesheim ein beeindruckendes Rollenprofil: Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor" erlebte dort eine umjubelte Premiere.

Romeo und Julia auf Schottisch, aber ohne Nachtigall und Lerche: Das ist, kurz gefasst, die gar erschröckliche Handlung der Oper „Lucia di Lammermoor". Sie basiert auf einem einschlägigen Roman von Walter Scott. Es geht um verfeindete Familien, deren Sprösslinge sich lieben, deren Liebe aber keine Erfüllung finden kann und logischerweise dort endet, wo Opern dies besonders gern sehen: im Tod.

Das aber hat Gaeano Donizetti nicht gehindert, prachtvolle Arien und Ensembles zu komponieren, in denen die Schönheit des Stimmklangs alles, die Logik der Handlung (fast) nichts ist. Der Koloratur muss man eben Opfer bringen.

Das Libretto liest sich stellenweise geradezu lächerlich –vor allem in der holprigen deutschen Ubersetzung von Käßner, auf die das Stadttheater Hildesheim aber verzichtet: Gesungen wird in der Originalsprache, zusammenfassende handlungserläuternde Texte werden projiziert. Doch sehr bewegend spielt sich das tragische Geschehen auf der Bühne ab (das eindrucksvolle, wandlungsfähige Bühnenbild stammt von Thomas Pekny, die kostbaren Kostüme hat Frank Lichtenberg entworfen). Regisseur Hellmuth Matiasek ist es in seiner Inszenierung auf bewunderswerte, zugleich ganz uneitle Weise gelungen, die Klippen eines solchen Bühnenwerkes zu umschiffen, er entwickelt die Figuren glaubhaft. Und das ist in einer Oper dieses Genres keine Selbstverständlichkeit.

Mit Kraftreserven

Dafür stehen ihm etliche hervorragende Sänger-Darsteller zur Verfügung. Alexandra Lubchansky ist eine betörende Lucia. Ihre große Wahnsinnsarie geht unter die Haut – wohl gerade wegen der lyrischen Weichheit, mit der ihr koloraturenfreudiger Sopran grundiert ist. Düster und gramvoll ist ihr Bruder Lord Enrico, der Uwe Tobias Hieronimi gut aufgehoben ist: ein solider Bariton mit Kraftreserven.

In der Rolle des Sir Edgardo glänzt Daniel Ohlmann mit stellenweise beeindruckendem tenoralem Glanz. Gen Ende machen sich allerdings Zeichen von Anstrengung in kleinen Rauigkeiten bemerkbar. Ein sattedles Bass-Fundament kann Ernst Garstenauer als Raimondo bieten. In kleineren Rollen ergänzen Daniel Pohnert (Lord Arturo), Anja Bildstein (Alisa) und Hanno Harms (Normanno) das Ensemble.

Ein großes Lob gebührt dem von Achim Falkenhausen bestens vorbereiteten Chor, ebenso dem Orchester, das unter der animierenden Leitung von Werner Seitzer durchaus auch italienisches Feuer nach Hildesheim zu holen imstande war. Am Schluss dieser überhaupt nicht provinziellen Premiere: Bravorufe, Standing Ovations. Michael Schäfer

 
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