alexandra lubchansky
critics

  Hildesheim  
 
Überirdische Klarheit

Opernfans auf nach Hildesheim! Dort ist zur Zeit Alexan­dra Lubchansky in der Titelrolle der „Lucia di Lammermoor" zu hören. Und man braucht keine prophetische Gabe um vorherzusagen, dass sie nicht mehr lange dem Hildesheimer Ensem­ble angehören wird: Ihr umjubelter Auftritt sollte die Tür zu größeren Bühnen weit aufgestoßen haben.

Solche Szenen erlebt man im Hildes­heimer Stadttheater- selten: Schon während der Aufführung wurden ein­zelne Arien mit tosendem Applaus und Bravo-Rufen gefeiert, beim Schluss­vorhang erhob sich das gesamte Pre­mieren-Publikum zu Standing Ovati­ons. Ehre, wem Ehre gebührt: Die Be­geisterung galt in allererster Linie Ale­xandra Lubchansky. Sie hatte die schweren Koloraturen von Donizettis „Lucia" mit solcher Leichtigkeit und teilweise fast überirdischer Klarheitgesungen, dass dem Zuhörer schwin­delte.

Ihre Glanzpartie wurde freilich mög­lich, weil das ganze Ensemble auf ho­hem Niveau agierte. Allen voran Uwe Tobias Hieronimi als ein sehr menschli­cher Lord Enrico. Den übrigen Stimmen fehlte zwar ein wenig die Strahlkraft, doch die Duette und Trios, zumal auch die Chorauftritte waren von eindrucks­voller Präzision und Dynamik. Das Or­chester unter der Leitung von Werner Seitzer musizierte düster bis feurig und. traf Gaetano Donizettis italienisches Bravado aufs Schönste.

Die romantisch tragische Geschichte erzählt von der Adelstochter Lucia, die den Sohn einer verfeindeten Familie nicht lieben darf. Sie zerbricht an der vorn Bruder erzwungenen Heirat mit einem einflussreichen Lord - Wahn­sinn, Mord und Freitod sind die Folgen unausgelebter Gefühle.

Regisseur Hellmuth Matiasek ist nicht viel eingefallen zu diesem Di­ckicht menschlicher Beziehungen. Sei­ne Figuren bewegen sich statisch auf der Bühne, die Thomas Pekny zwar imposant gestaltet hat. Doch legt ihr modern-kühles Bild die Akteure zu­gleich extrem fest. Ein kreisrundes Mittelpodest verhindert mehr die In­teraktion, als dass es sie befördert. Schön dagegen das ahnungsvoll-dunk­le Licht (Reinhold Bernhards), das her­vorragend mit den halb-historischen schwarzen Kostümen Frank Lichten­bergs korrespondiert.

Die außergewöhnlichen Leistungen der Lubchansky und des übrigen En­sembles degradieren allerdings ohne­hin alles Beiwerk zur Nebensache. Ein großer Abend, ein Erlebnis. Andreas Harmann

 
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