alexandra lubchansky
interview
Opernglas, 04/2005

Die examinierte Konzertpianistin wechselte die Hochschule, als sie den Entschluss gefasst hatte, Sängerin zu werden — man sollte sie nicht für verrückt halten. Der Erfolg der jungen russischen Sopranistin gibt ihr Recht: Das Publikum nicht nur in Hildesheim jubelt ihr zu und schon wird man über die Grenzen dieser ersten Station hinaus auf sie aufmerksam. Der „Wahnsinn" bleibt ihr allerdings erhalten — als hinreißende Lucia.

Frau Lubchansky, Sie haben in Hildesheim schon als Zerbinetta, Oscar und vor allem als Lucia di Lammermoor für überregionales Aufsehen gesorgt. Dabei hatten Sie eigentlich andere musikalische Pläne. Wie kamen Sie zum Gesang?

Eigentlich bin ich von Haus aus Pianistin. Ich stamme aus St. Petersburg und habe bereits mit 5 Jahren mit dem Klavierunterricht begonnen; auf dem Konservatorium in St. Petersburg habe ich dann Klavier und Komposition belegt. Später habe ich in Israel meine Ausbildung fortgesetzt und anschließend in Frankfurt am Main weiter studiert, wo ich im November 2000 mein Examen als Konzertpianistin ablegte. Ich merkte dann bei der Begleitung von Sängern, dass mich das Singen auch sehr reizen würde. Die Liebe zum Theater war bei mir schon immer da und musikalische Grundlagen hatte ich ja auch - da dachte ich mir: Warum soll ich Begleiterin werden, statt das Singen nicht gleich selbst ausprobieren?
Ich wollte aber nicht weiter an der Frankfurter Hochschule bleiben, damit die Leute nicht denken: „Jetzt ist sie total wahnsinnig geworden." So wechselte ich an die Hochschule nach Karlsruhe. Das Sängerleben war für mich zunächst sehr ungewohnt. Es fing schon damit an, dass ich bei den ersten Gesangsprüfungen gar nicht wusste, wo ich meine Hände lassen sollte - für eine Pianistin ein echtes Problem! Man war von Seiten der Hochschule zunächst skeptisch, dass es mir mit dem Gesang wirklich ernst sein könnte.

Sie haben als Pianistin immerhin den ersten Preis im renommierten Pariser Rubinstein-Wettbewerb gewonnen, dennoch werden Sie im Fach Gesang bei einer Aufnahmeprüfung sicher auch etwas vorgesungen haben müssen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Nun, mir war zunächst eigentlich gar nicht klar, wie viele verschiedene Stimmtypen es überhaupt gibt. Als Pianistin war ich gewohnt, alles spielen zu dürfen und können. So habe ich mich gleich entschlossen, »Manon« vorzusingen. Erst nach einem Jahr hatte ich den Durchblick, was für Stimmfächer vom Koloratursopran bis zur Hochdramatischen es eigentlich gibt. Das hat mich auch ein wenig enttäuscht, weil ich dachte, als Sopran dürfte man alles singen. Meine Gesangslehrer sind oft an mir verzweifelt - etwa als ich im zweiten Studienjahr unbedingt Donna Elvira singen wollte...
An den Theatern in Deutschland gab es ja früher für die Ensemblemitglieder durchaus die Möglichkeiten, nahezu alle Partien ihres Stimmfaches singen zu dürfen - oder vielmehr zu müssen.
Es ist eigentlich schade, dass diese Zeiten weitgehend vorbei sind. Die »Cenerentola« etwa, die ich in Karlsruhe gesungen hatte, war sicher eine Partie, die nicht perfekt für meine Stimme passte, aber dennoch ein unverzichtbarer Grundstein für meine Lucia war. Insofern kann man auch aus Partien, die einem nicht perfekt liegen, etwas für seine Entwicklung mitnehmen.

Ich grüble immer noch, wie man als Pianistin an eine anspruchsvolle Partie wie Manon für ein Vorsingen herangeht.

Mich hat am meisten irritiert, dass man stehen und direkt ins Publikum schauen muss. Das war mir als Pianistin eigentlich fremder als die rein technischen Fragen der Partie.

Die Gesangschule am Mariinsky-Theater hat einen ausgezeichneten Ruf warum sind Sie zum Studium ins Ausland gegangen?

Ich wollte andere Sprachen und Kulturen kennenlernen. Zudem war mir Oper in der Zeit vor Gergiev in St.Petersburg immer sehr fremd. Das waren meist ältere „2-Tonnen-Sänger" mit dicken, brustigen Stimmen und zu viel Vibrato. Ich bin erst vor einem Jahr auf Einladung von Valery Gergiev als Zerbinetta nach Petersburg zurückgekehrt und konnte so auf der Bühne spüren, welche enormen positiven Veränderungen dort unter seiner Federführung stattgefunden haben. Mir fiel das besonders auf, weil ich zwar in Russland gelebt aber nie dort Gesang studiert habe.
Ich erinnere mich aber auch an meine Studienzeit als Pianistin, als Anna Netrebko etwa zur gleichen Zeit dort Gesang studierte. Sie fiel mir damals schon auf, weil sie eigentlich genau das Gegenteil von dem darstellte, was man sonst mit Oper in Russland In Verbindung brachte. Neben ihrer hervorragenden stimmlichen Begabung legte sie auch auf ihre Erscheinung großen Wert. Ich habe mir damals schon gedacht, dass sie mit dieser ungeheuren stimmlichen und charismatischen Präsenz eine große Karriere machen könnte.
Wobei ich ganz unabhängig von Anna derzeit allgemein einen Trend sehe, dass auf den Bühnen die äußere Erscheinung manchmal wichtiger wird als die stimmlichen Belange. Da muss man etwas aufpassen, dass daraus keine künstlerische Schieflage entsteht.

Wie gelang Ihnen der Sprung von der Karlsruher Hochschule in den eigentlichen Berufsalltag einer Sängerin?

Durch die sehr gute und vielseitige Ausbildung in Karlsruhe, die auch aufszenische Darstellung großen Wert legte und mir auch musikalisch einige Experimente zugestand, war der Start ins Berufsleben eigentlich nicht besonders belastend. Es war wichtig, dass ich schon im Studium von Anfang an eine Menge ausprobieren durfte und nicht erst fünf Jahre lang Schubert-Lieder im Pianissimo singen musste.
Dass ich nach Hildesheim kam, war eigentlich eher Zufall. Ich hatte die Zerbinetta ausprobiert und festgestellt, dass mir die Rolle sehr gut lag. Ich wollte sie singen, wo auch immer. Ein Bekannter erzählte mir, dass man in Hildesheim jemanden für diese Partie suchte. Ich bin dann dort hingegangen und der Generalmusikdirektor Herr Seitzer hat mich überredet, gleich zwei Jahre dort zu bleiben, was eine sehr gute Entscheidung im Rückblick war, denn hier konnte ich an einem auch akustisch für einen Sänger sehr guten Haus Partien wie Konstanze, Lucia oder Oscar in Ruhe in einem festen, wunderbar harmonierenden Ensemble erarbeiten, und ich bekam die Möglichkeiten, unter Regisseuren wie Hellmuth Matiasek, Reto Nickler oder Hans-Peter Lehmann arbeiten zu dürfen. Lehmann zeigte mir etwa, was für ein faszinierender Charakter Oscar ist und Matiasek schuf mir in der »Lucia« ein Umfeld, in dem ich mich einfach wohl fühlte und in dem ich in jeder Vorstellung Neues ausprobieren konnte.

Ihr Vertrag in Hildesheim läuft bald aus, was wird dann folgen?

Ich habe einige andere Projekte, wie etwa das Blondchen in Frankfurt, das ich gerade probe, und an der Bayerischen Staatsoper in München werde ich mit dieser Partie in der nächsten Saison ebenfalls zu hören sein. In Linz folgt im Herbst eine Konstanze unter Russel Davis und mit Christof Loy und Julia Jones im Juni 2006 die Ninetta in Mozarts »La finta semplice« in Frankfurt. Andere Sachen sind noch in der Planung, denn ein paar Vorsingen habe ich noch vor mir.
Irgendwann nicht mehr vorsingen zu müssen, wäre im übrigen mein größter Wunsch. Diese Atmosphäre ohne Bühne und Orchesterklang, in der man häufig nicht mal seine Stücke zu Ende singen darf, ist für mich einfach schrecklich. Aus diesem Grunde gehe ich auch Gesangswettbewerben aus dem Weg. Für mich ist eine Gesangsstimme Teil des Orchestersatzes in einer Oper, und ich kann als Sängerin allein mit Klavierbegleitung nicht die musikalischen Fassetten herausarbeiten, die das Stück eigentlich fordert, und die ich im Zusammenklang mit dem Orchester zu erreichen versuchen kann.

Für welche Partien würden Sie sich selbst als Sängerin derzeit empfehlen?

Ich sehe mich derzeit in erster Linie als Mozart- und Strauss-Sängerin, aber mich interessieren auch andere Rollen. Bellini schätze ich sehr und auch eine Violetta würde ich zumindest gern einmal ausprobieren. Die von mir ausgesprochen geschätzte Edita Gruberova hat Violetta nie mehr als zehnmal pro Jahr und immer an Häusern mit guter Akustik gesungen. Ich denke, dass das ein sehr guter Ansatz für solche Partien ist und man damit auch die Stimme nicht überfordert. Bevor ich mich an Lucia und Konstanze gewagt habe, bin ich deswegen auch zu der Lehrerin von Edita Gruberova gefahren und habe sie um Rat gefragt, ob diese Rollen für meine Stimme möglich wären. Erst als sie mir grünes Licht gegeben hat, habe ich begonnen, an den Partien zu arbeiten. Mir ist wichtig, dass ich schon jetzt die Stimme nicht überfordere, da ich gern sehr lange singen möchte.
Was die Violetta angeht, würde ich sie gern an einem Haus wie Hildesheim ausprobieren, das von Größe wie Akustik für mich derzeit ideal ist. Danach hätte ich auch keine Probleme damit, sie auch wieder für einige Zeit ruhen zu lassen.

Gibt es auch Rollen, die Ihnen weniger liegen?

Während des Studiums musste ich einige Male die Laura im »Bettelstudenten« singen. Ich fand weder zu der Rolle noch zu der Musik einen Zugang. Nach der letzten Vorstellung war ich besonders positiv gestimmt, und alle fragten mich, weshalb. Ich sagte nur: „Weil das die letzte Laura meines Lebens war!"

Und was wäre dann eine Traumrolle für Sie?

Mein größter Traum wird sich leider nicht mehr erfüllen können: Ich hätte wahnsinnig gern einmal mit Carlos Kleiber eine »Fledermaus« gemacht. Seine Aufnahmen und vor allem auch die gerade erschienene DVD, die ihn bei der Probe zeigt, haben mich ausgesprochen beeindruckt. Er stellte seine Vorstellung von der Musik derart plastisch dar, dass man das Gefühl hat, man könne das zum Schluss selber dirigieren. Probenzeiten werden heute im Allgemeinen leider immer kürzer, was ich sehr bedauere. Deswegen ist eine Qualität wie bei Kleiber-Produktionen derzeit eigentlich nicht mehr realisierbar - leider!

Was würden Sie sonst in der Oper gern verändern oder bewegen?

Ein Problem, das mir sehr am Herzen liegt, ist die Tatsache, dass wir einen besseren und direkteren Kontakt zum Publikum haben müssten. Es ist sehr wichtig, dass da ein Austausch zwischen Künstlern und Publikum stattfindet, auch um neue Zuschauerschichten, vor allem in der Jugend, gewinnen zu können. Ich glaube, dass die Oper eine sehr gute Form ist, um Leute für klassische Musik zu interessieren. Eine Stimme wird jemanden immer direkter ansprechen können als ein Klavier oder eine Violine, zu der die Menschen vielleicht gar keinen Zugang haben. Eine Stimme hat jeder!
Zusätzlich sind natürlich auch die Regisseure gefragt, die etwa entdecken, wie modern Mozarts Musik ist - und das auch dem Publikum von heute veranschaulichen. Meine Aufgabe ist es in erster Linie, den Menschen die Musik zu vermitteln. Sie sollen das Werk so toll finden, dass sie es sich immer und immer wieder ansehen möchten, ganz unabhängig von meiner Person. Sänger sollten nie Diven sein, sondern immer Vermittler des Komponisten, das wird leider manchmal etwas vergessen. S.Mauß